
Letzten Sonntag ging ja regentechnisch ein bisschen die Welt unter. Gott sei Dank befand ich mich nicht in einem überdachten Raum, sondern im Freien, auf dem Weg nach Hause. Und ich muss sagen, wenn man schon den ganzen Tag arbeiten war und unzählige Menschen mit einer Dom- oder wahlweise auch Schatzkammerführung beglückt hat, dann möchte man EINFACH NUR NACH HAUSE.
Da ich als ausreichend an meiner Umwelt interessierte junge Frau auch ab und an den Nachrichtensprechern im Radio oder Fernsehen zuhöre, wusste ich Bescheid und war gewappnet. Was ich bis heute nicht weiß: warum hab ich einen kleinen Regenschirm mitgenommen, obwohl ich doch wusste, dass es richtig regnen würde? Nicht fimschig, wie es das in Aachen gerne tut, sondern wolkenbruchartig und ordentlich? Keine Ahnung. Wer es weiß, möge es mir bitte, bitte mitteilen!
Ich husche also verschämt unter meinem kleinen Regenschirm durch die Innenstadt. Erst einmal nur bis zum Bäcker, kurze Wege kleine Ziele sind schneller erreicht als das große Ganze. Man heiratet ja auch eher einen Prinzen, als dass man zur Königin gekrönt wird. Nach erfolgreichem Backwarenerwerb macht das Positive des Wetters schon mal auf sich aufmerksam.
Irgendwo tief in uns hockt das hoffnungsfrohe Optimistenhäschen und denkt nicht an das Böse der Welt. Ich bleibe also erst mal ein bisschen in der Tür stehen und überlege, ob es nicht vielleicht nach baldigem Ende des Regens aussieht. Weil bei dem Wetter nicht viele Menschen freiwillig vor die Tür gehen, ist es ruhig im Laden und man kann ganz gemütlich ein Schwätzchen halten. Über das Wetter, klar, worüber sonst. Da alle im gleichen Boot sitzen und man ja doch gerade nichts ändern kann, schimpft auch keiner. Angenehm.
Weiter geht’s. Tapfer stürze ich mich in die Fluten und kämpfe mich durch den Wellengang bis zur nächsten Fußgängerampel. Da ich den Schirm tief runter ziehe, in einem Versuch mit 2cm mehr Stoff trockener zu bleiben, verkleinert sich meine Wahrnehmung auf einen kleinen Kreis Boden. Da wird mir auf einmal klar, was man so alles verpasst, wenn man die vollen 360° Rundumblick genießen kann. Ich weiß, ich bin keine Eule und kann meinen Kopf nicht so weit drehen, aber ich könnte. Wenn ich jetzt meinen Kopf drehe, dann dreht sich der Schirm ja irgendwie mit (ich leg den immer oben ab) und der Sichtkreis bleibt gleich. Gleich klein.
Ich finde es schön, wenn man sich mal auf die kleinen Dinge konzentrieren kann. Ich finde es auch schön, wenn ich die Stadt mal „für mich“ habe, was sonst höchstens Sonntagsmorgens um halb 10 so ist. Aber wer geht schon bei Regen vor die Tür? Alles ist also komprimiert und ich kann viel mehr „sehen“.
Von anderen Menschen sieht man nur die Schuhe. Es ist unglaublich, wie die Schuhe von manchen Menschen aussehen. Sehr unterschiedlich in Form, Farbe und Abnutzungsgrad. Und interessant wird es erst, wenn man dann doch mal den Kopf hebt und sich die Besitzer der Schuhe anschaut. Da können die abgeschrabbelsten Treter daher kommen und gehören dann zu einer sehr feinen Dame oder einem schönnen Fiffi, der versucht noch die ein oder andere Frau von sich zu überzeugen.
Auch schön: die Bodenbeschaffenheit. Ich habe ja Straßen immer für mehr oder weniger eben gehalten. Ha! Weit gefehlt! Da tun sich Furchen auf, die bei Regen natürlich ganz schön volllaufen und so wird die Überquerung der Theaterstraße schon mal zu einer abenteuerlichen Wildwasser-Rafting-Tour. Hinfort jede Hoffnung auf trockene Füße.
Völkerverständigung ist dann auch viel einfacher, denn wenn man schon miteinander unter den kleinen Vordächern steht und auf das Grün für Fußgänger wartet, dann kommt man auch schon mal ins Gespräch und kann gute Tipps für Touristen weitergeben, die sonst ungesagt geblieben werden.
Alles in allem finde ich: Regen ist doof, weil man dann nasse Füße bekommt und die Haare sich so kräuseln. Aber eigentlich auch schön, weil alles so zusammenwächst und kleiner wird.
–Cati Basmati ist schon groß, freut sich aber auch über klein
Autor: Cati Basmati, Blog: www.catibasmati.blogspot.com
Bild: SXC/fishmonk